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Johann Gottfried Herder

Johann Gottfried

Herder

aus

Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit

Achtzehntes Buch

II

Reiche der Ostgoten und Langobarden

Ehe wir diese betrachten, müssen wir einem Meteor am Himmel Europas, der Geißel Gottes, dem Schrecken der Welt, dem Hunnenkönige Attila einen Blick der Aufmerksamkeit schenken. Schon bemerkten wir, wie eigentlich der Aufbruch der Hunnen in der Tatarei alle deutsche Völker in die letzte große Bewegung gesetzt habe, die dem römischen Reich ein Ende machte; unter Attila war die Macht der Hunnen in Europa in ihrer furchtbarsten Größe. Ihm waren die Kaiser von Orient tributbar; er verachtete sie als Sklaven ihrer Knechte, ließ jährlich sich 2100 Pfund Goldes zollen und ging in einem leinenen Kleide. Goten, Gepiden, Alanen, Heruler, Akaziren, Thüringer und Slawen dienten ihm; er wohnte im nördlichen Pannonien in einem Flecken, von einer Wüste umgeben, in einem hölzernen Hause. [280] Seine Gefährten und Gäste tranken aus goldnem Gerät; er trank aus einem hölzernen Becher, trug kein Gold, kein Edelgestein an sich, auch nicht an seinem Schwert, noch am Zügel seines Pferdes. Billig und gerecht, gegen Unterworfene äußerst gütig, aber mißtrauisch gegen seine Feinde und stolz gegen die stolzen Römer, brach er, wahrscheinlich vom Wandalenkönige Geiserich angeregt, mit einem Heer von fünf- bis siebenmal hunderttausend Menschen aller Nationen plötzlich auf, wandte sich westwärts, durchflog Deutschland, ging über den Rhein, zerstörte bis in die Mitte Galliens: alles zitterte vor ihm, bis endlich aus allen westlichen Völkern ein Heer sich gegen ihn sammelte und anrückte. Kriegsklug zog Attila sich auf die Katalaunische Ebne zurück, wo sein Rückweg frei war; Römer, Goten, Läter, Armoriker, Breonen, Burgunder, Sachsen, Alanen und Franken standen gegen ihn; er selbst ordnete die Schlacht. Das Treffen war blutig, der König der Westgoten blieb; Mengen fielen, und Kleinigkeiten entschieden. Unverfolgt zog Attila über den Rhein zurück und ging im folgenden Jahr frisch über die Alpen, da er Italien durchstreifte, Aquileja zerstörte, Mailand plünderte, Pavia verbrannte und, um dem ganzen Römerreich ein Ende zu machen, auf Rom losging. Hier kam ihm Leo, der römische Bischof, flehend entgegen und erbat die Rettung der Stadt; dieser reiste auch gen Mantua zu ihm ins Lager und bat Italien von ihm los. Der Hunnenkönig zog zurück über die Alpen und war eben im Begriff, jene in Gallien verlerne Schlacht zu rächen, als er vom Tode übereilt wurde. Mit lauten Klagen begruben ihn seine Hunnen; mit ihm sank ihre furchtbare Macht. Sein Sohn Ellak starb bald ihm nach; das Reich zerfiel, der Rest seines Volks ging nach Asien zurück oder verlor sich. Er ist der König Etzel, den Gedichte mehrerer deutscher Völker nennen, der Held, vor dessen Tafel die Dichter mehrerer Nationen ihrer Vorfahren Taten sangen; desgleichen ist er das Ungeheuer, dem man auf Münzen und in Gemälden Hörner andichtete, ja dessen ganzes Volk man zu einer Waldteufel- und Alrunenbrut machte. Glücklich tat Leo, was keine Heere tun konnten, und hat Europa von einer kalmuckischen Dienstbarkeit befreit; denn ein mogolisches Volk war Attilas Heer, an Bildung, Lebensweise und Sitten kenntlich.

Auch des Reichs der Heruler müssen wir erwähnen, weil es dem ganzen westlichen Kaisertum ein Ende machte. Längst waren diese mit andern deutschen Völkern im römischen Solde gewesen, und da sie, bei wachsender Not des Reichs, nicht mehr bezahlt werden konnten, bezahlten sie sich selbst; ein dritter Teil des Landes wurde ihnen in Italien zum Anbau gegeben, und ein glücklicher Abenteurer, Odoaker, Anführer der Skirren, Rugen und Heruler, wurde Italiens erster König. Er bekam den letzten Kaiser Romulus in seine Hände, und da ihn dessen Jugend und Gestalt zum Mitleiden bewegten, schickte er ihn mit einem Jahrgelde auf eine Villa Luculls in Kampanien. Siebenzehn Jahre hat Odoaker Italien bis nach Sizilien hinab nicht unwürdig, obwohl unter den größesten Landplagen, verwaltet, bis die Reute eines so schönen Besitzes den König der Ostgoten, Theoderich, reizte. Der junge Held ließ sich Italien vom Hofe zu Konstantinopel zum Königreich anweisen, überwand den Odoaker, und da dieser einen demütigenden Vergleich nicht halten wollte, wurde er ermordet. So begann der Ostgoten Herrschaft.

Theoderich ist der Stifter dieses Reiches, den die Volkssage unter dem Namen Dietrich von Bern kennt: ein wohlgebildeter und wohlgesinneter Mann, der als Geisel in Konstantinopel erzogen war und dem morgenländischen Reich viel Dienste getan hatte. Dort war er schon mit der Würde eines Patricius und Konsuls geschmückt; ihm zur Ehre war eine Bildsäule vor dem kaiserlichen Palast errichtet; Italien aber wurde das Feld seines schöneren Ruhms, einer gerechten und friedlichen Regierung. Seit Mark-Antonins Zeiten war dieser Teil der römischen Welt nicht weiser und gütiger beherrscht worden, als er über Italien und Illyrikum, einen Teil von Deutschland und Gallien, ja als Vormund auch über Spanien herrschte und zwischen Westgoten und Franken lange den Zügel hielt. Ohngeachtet seines Triumphes zu Rom maßte er sich den Kaisertitel nicht an und war mit dem Namen Flavius zufrieden; aber alle kaiserliche Macht übte er aus, ernährte das römische Volk, gab der Stadt ihre alten Spiele wieder, und da er ein Arianer war, sandte er den Bischof zu Rom selbst in der Sache des Arianismus als seinen Gesandten nach Konstantinopel. Solange er regierte, war Friede unter den Barbaren: denn das westgotische, fränkische, wandalische, thüringische Reich waren durch Bündnisse oder Blutsfreundschaft mit ihm vereinigt. Italien erholte sich unter ihm, indem er dem Ackerbau und den Künsten aufhalf, und jedem Volk blieben seine Gesetze und Rechte. Er unterhielt und ehrte die Denkmale des Altertums, baute, obwohl nicht ganz mehr im Römergeschmack, prächtige Gebäude, von welchen vielleicht der Name der gotischen Baukunst herrührt, und seine Hofhaltung wurde von allen Barbaren verehrt. Sogar ein schwacher Schimmer der Wissenschaften ging unter ihm auf: die Namen seiner ersten Staatsdiener, eines Cassiodor, Boethius, Symmachus, sind noch bis jetzt hochgeschätzte Namen, obgleich die beiden letzten, auf einen Verdacht, daß sie die Freiheit Roms wiederherstellen wollten, ein unglückliches Ende fanden. Vielleicht war der Verdacht dem alten Könige verzeihlich, da er nur einen jungen Enkel zur Nachfolge vor sich sah und, was seinem Reich zur daurenden Festigkeit fehlte, wohl kannte. Es wäre zu wünschen gewesen, daß dies Reich der Goten bestanden und statt Karls des Großen ein Theoderich die Verfassung Europas in geist- und weltlichen Dingen hätte bestimmen mögen.

Nun aber starb der große König nach 34 Jahren einer klugen und tätigen Regierung; und sogleich brachen die übel aus, die in der Staatsverfassung aller deutschen Völker lagen. Die edle Vormünderin des jungen Adelrichs, Amalasvinde, wurde von den Großen des Reichs in der Erziehung desselben gehindert, und als sie nach seinem Tode den abscheulichen Theodat zum Reichsgehülfen annahm, der sie mit dem Tode belohnte, so war die Fahne des Aufruhrs unter den Goten gepflanzt. Mehrere Große wollten regieren; der habsüchtige Justinian mischt sich in ihre Streitigkeiten, und Belisar, sein Feldherr, setzt unter dem Verwände, Italien zu befreien, über das Meer. Die unter sich uneinigen Goten werden eingeengt und betrogen, die Residenz ihrer Könige, Ravenna, hinterlistig eingenommen, und Belisar zieht mit Theoderichs Schätzen und einem gefangenen Könige nach Hause. Bald beginnet der Krieg aufs neue; der tapfre König der Goten, Totilas, erobert Rom zweimal, schonet aber desselben und lässet es mit niedergerissenen Mauern offen liegen. Ein zweiter Theoderich war dieser Totilas, der während der eilt Jahre seiner Regierung den treulosen Griechen viel zu tun gab. Nachdem er im Treffen geblieben und sein Hut mit dem blutigen Kleide dem eitlen Justinian zu Füßen gelegt war, ging's mit dem Reich der Goten zu Ende, wiewohl sie sich bis auf die letzten 7000 Mann tapfer hielten. Empörend ist die Geschichte dieses Krieges, indem auf der einen Seite tapfre Gerechtigkeit, auf der andern griechischer Betrug, Geiz und jede Niederträchtigkeit der Italiener kämpfen, so daß es zuletzt einem Verschnittenen, dem Narses, gelang, das Reich auszurotten, das Theoderich zum Wohl Italiens gepflanzt hatte, und dagegen zu Italiens langem Weh das hinterlistige, schwache Exarchat, die Wurzel so vieler Unordnungen und Übel, einzuführen. Auch hier wie in Spanien war leider die Religion und die innere Verfassung des gotischen Staats der Grund zu seinem Verderben. Die Goten waren Arianer geblieben, die der Römische Stuhl, ihm so nahe, ja als seine Oberherren, unmöglich dulden konnte; durch alle Mittel und Wege, wenn auch von Konstantinopel her und mit eigner Gefahr, wurde also ihr Fall befördert. Zudem hatte sich der Charakter der Goten mit dem Charakter der Italiener noch nicht gemischt, sie wurden als Fremdlinge und Eroberer angesehen und ihnen die treulosen Griechen vorgezogen, von denen, auch schon in diesem Befreiungskriege, Italien unsäglich litt und noch mehr gelitten hätte, wenn ihm nicht, wider seinen Willen, die Longobarden zu Hülfe gekommen wären. Die Goten zerstreuten sich, und ihr letzter Rest ging über die Alpen.

Die Longobarden verdienen es, daß der obere Teil Italiens ihren Namen trägt, da er den bessern Namen der Goten nicht tragen konnte. Gegen diese rief Justinian sie aus ihrem Pannonien hervor, und sie setzten sich zuletzt selbst in den Besitz der Beute. Alboin, ein Fürst, dessen Namen mehrere deutsche Nationen priesen, kam über die Alpen und führte von mehreren Stämmen ein Heer von Weibern, Kindern, Vieh und Hausrat mit sich, um das der Goten beraubte Land nicht zu verwüsten, sondern zu bewohnen. Er besetzte die Lombardei und wurde in Mailand von seinen Longobarden, auf einem Kriegesschilde erhoben, zum Könige Italiens ausgerufen, endete aber bald sein Leben. Von seiner Gemahlin Rosemunde war sein Mörder bestellt; sie vermählt sich mit dem Mörder und muß entweichen. Der von den Longobarden erwählte König ist stolz, grausam; die Großen der Nation werden also einig, keinen König zu wählen und das Reich unter sich zu teilen; so entstehen sechsunddreißig Herzoge, und hiemit war die erste lombardisch- deutsche Verfassung in Italien gegründet. Denn als die Nation, vom Bedürfnis gezwungen, sich wieder Könige wählte, so tat dennoch jeder mächtige Lehnsträger meistens nur das, was er tun wollte; selbst die Wahl derselben wurde oft dem Könige entrissen, und es kam zuletzt auf das unsichere Ansehen seiner Person an, ob er seine Vasallen zu lenken und zu gebrauchen wußte. So entstanden die Herzoge von Friaul, Spoleto, Benevent, denen bald andere nachfolgten: denn das Land war voller Städte, in welchen hier ein Herzog, dort ein Graf sein Wesen treiben konnte. Dadurch wurde aber das Reich der Longobarden entkräftet und wäre leichter als das Reich der Goten wegzufegen gewesen, wenn Konstantinopel einen Justinian, Belisar und Narses gehabt hätte; indes sie jetzt auch in ihrem kraftlosen Zustande den Rest des Exarchats zerstören konnten. Allein mit diesem Schritte war auch ihr Fall bereitet. Der Bischof zu Rom, der in Italien keine als eine schwache, zerteilte Regierung wünschte, sähe die Longobarden sich zu nahe und mächtig; da er nun von Konstantinopel aus keinen Beistand hoffen konnte, zog Stephanus über das Gebirge, schmeichelte dem Usurpator des fränkischen Reichs, Pipin, mit der Ehre, ein Beschützer der Kirche werden zu können, salbte ihn zu einem rechtmäßigen Könige der Franken und ließ sich dafür noch vor dem erobernden Feldzuge selbst die fünf Städte und das den Longobarden zu entnehmende Exarchat schenken. Der Sohn Pipins, Karl der Große, vollendete seines Vaters Werk, erdrückte mit seiner überwiegenden Macht das longobardische Reich und wurde dafür vom Heiligen Vater zum Patricius von Rom, zum Schutzherrn der Kirche, ja endlich, wie durch eine Eingebung des Geistes, zum römischen Kaiser ausgerufen und gekrönet. Was dieser Ausruf für ganz Europa veranlaßt habe, wird die Folge zeigen; für Italien ging, durch diesen herrlichen Fischzug Petri jenseit der Alpen, das ihm nimmer ersetzte longobardische Reich unter. In den zwei Jahrhunderten seiner Dauer hatte es für die Bevölkerung des verwüsteten und erschöpften Landes gesorgt; es hatte durch deutsche Rechtlichkeit und Ordnung Sicherheit und Wohlstand verbreitet, wobei jedem freigestellt blieb, nach longobardischen oder eignen Gesetzen zu leben. Der Longobarden Rechtsgang war kurz, förmlich und bindend; lange noch galten ihre Gesetze, als schon ihr Reich gestürzt war. Auch Karl, der Unterdrücker desselben, ließ sie gelten und fügte die seinen nur an. In mehreren Strichen Italiens sind sie nebst dem römischen das gemeine Gesetz geblieben und haben Verehrer und Erklärer gefunden, auch da späterhin auf Befehl der Kaiser das Justinianische Recht emporkam.

Dem allen ohngeachtet ist nicht zu leugnen, daß insonderheit die Lehnverfassung der Longobarden, der mehrere Nationen Europas folgten, diesem Weltteil unselige Folgen gebracht habe. Dem Bischöfe Roms konnte es angenehm sein, daß bei einer zerteilten Macht des Staats eigenmächtige Vasallen nur durch schwache Bande an ihre Oberherren geknüpft waren; denn nach der alten Regel: »Teile und herrsche!« mochte man sodann aus jeder Unordnung Vorteil ziehen. Herzoge, Grafen und Barone konnte man gegen ihre Lehnverleiher aufregen und durch Vergebung der Sünden bei rohen Lehns- und Kriegsmännern für die Kirche viel gewinnen. Dem Adel ist die Lehnverfassung seine alte Stütze, ja die Leiter gewesen, auf welcher Beamte zu Erbeigentümern und, wenn die Ohnmacht der Anarchie es wollte, zur Landeshoheit selbst hinaufstiegen. Für Italien mochte dies alles weniger schädlich sein, da in diesem längst kultivierten Lande Städte, Künste, Gewerbe und Handel in Nachbarschaft mit den Griechen, Asiaten und Afrikanern nie ganz vernichtet werden konnten und der noch unausgetilgte Römercharakter sich nie ganz unterdrücken ließ, obwohl auch in Italien die Lehnzerteilung der Zunder unsäglicher Unruhen, ja eine Hauptursache mit gewesen, warum seit den Zeiten der Römer das schöne Land nie zur Konsistenz eines festen Zustandes gelangen konnte. In andern Ländern werden wir die Anwendung des longobardischen förmlichen Lehnrechtes, zu welchem in allen Verfassungen deutscher Völker ähnliche Keime lagen, weit verderblicher finden. Seit Karl der Große die Lombardei in sein Besitztum zog und als Erbteil unter seine Söhne brachte; seitdem unglücklicherweise auch der römische Kaisertitel nach Deutschland kam und dies arme Land, das nie zu einer Hauptbesinnung kommen konnte, mit Italien in das gefährliche Band zahlreicher und verschiedner Lehnverknüpfungen zog: seitdem wurde, ehe noch ein Kaiser das geschriebene longobardische Recht anempfahl und dem Justinianischen Recht beifügte, in mehreren Ländern die ihm zum Grunde liegende Verfassung allen an Städten und Künsten armen Gegenden gewiß nicht zum Besten errichtet. Aus Unwissenheit und Vorurteil der Zeiten galt endlich das longobardische für das allgemeine kaiserliche Lehnrecht, und so lebt dies Volk noch jetzt in Gewohnheiten, die eigentlich nur aus seiner Asche zu Gesetzen gesammelt wurden. [281]

Auch auf den Zustand der Kirche ging vieles von dieser Verfassung über. Zuerst zwar waren die Longobarden, wie die Goten, Arianer; als aber Gregor der Große die Königin Theodolinde, diese Muse ihres Volks, zur rechtgläubigen Kirche zu ziehen wußte, so zeigte sich der Glaube der Neubekehrten auch bald eifrig in guten Werken. Könige, Herzoge, Grafen und Barone wetteiferten miteinander, Klöster zu bauen und die Kirchen mit ansehnlichen Patrimonien zu beschenken; die Kirche zu Rom hatte dergleichen von Sizilien aus bis in den Kottischen Alpen. Denn wenn die weltlichen Herren sich ihre Lehngüter erwarben, warum sollten die geistlichen Herren nicht ein gleiches tun, da sie für eine ewige Nachkommenschaft zu sorgen hatten? Mit ihrem Patrimonium bekam jede Kirche einen Heiligen zu ihrem Schutzwächter, und mit diesen Patronen, als Verbittern bei Gott, hatte man sich unendlich abzufinden. Ihre Bilder und Reliquien, ihre Feste und Gebete bewirkten Wunder; diese Wunder bewirkten neue Geschenke, so daß bei fortgesetzter gegenseitiger Erkenntlichkeit der Heiligen von einem Teil, der Lehnbesitzer, ihrer Weiber und Kinder auf der andern Seite, die Rechnung nie aufhören konnte. Die Lehnverfassung selbst ging gewissermaße in die Kirche über. Denn wie der Herzog vor dem Grafen Vorzüge hatte, so wollte auch der Bischof, der jenem zur Seite saß, vor dem Bischöfe eines Grafen Vorrechte haben; das weltliche Herzogtum schlug sich also zu einem erzbischöflichen Sprengel, die Bischöfe untergeordneter Städte zu Suffraganeen eines geistlichen Herzogs zusammen. Die reich gewordenen Äbte, als geistliche Barone, suchten der Gerichtsbarkeit ihrer Bischöfe zu entkommen und unmittelbar zu werden. Der Bischof zu Rom, der auf diese Weise ein geistlicher Kaiser oder König wurde, verlieh diese Unmittelbarkeit gern und arbeitete den Grundsätzen vor, die nachher der falsche Isidor für die gesamte christkatholische Kirche öffentlich aufstellte. Die vielen Festtage, Andachten, Messen und Ämter erforderten eine Menge geistlicher Diener; die erlangten Schätze und Kleider der Kirche, die im Geschmack der Barbaren waren, wollten ihren Schatzbewahrer, die Patrimonien ihre Rectores haben, welches alles zuletzt auf einen geist- und weltlichen Schutzherren, d. i. auf einen Papst und Kaiser hinauslief, also daß Staat und Kirche eine wetteifernde Lehnverfassung wurden. Der Fall des longobardischen Reichs wurde die Geburt des Papstes und mit ihm eines neuen Kaisers, der damit der ganzen Verfassung Europas eine neue Gestalt gab. Denn nicht Eroberungen allein verändern die Welt, sondern viel mehr noch neue Ansichten der Dinge, Ordnungen, Gesetze und Rechte.

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