Die Kabbalisten sagen: "Die Gottheit ist eine, weil sie unendlich ist. Sie ist dreifach, weil sie sich ewig offenbart."
Diese Offenbarung ist dreifach in ihren Aspekten, denn es bedarf nach Aristoteles dreier Prinzipien für jeden natürlichen Körper zu seiner Objektivierung: Privation, Form und Materie.1 Privation bedeutete in dem Sinne des großen Philosophen das, was die Occultisten die dem Astrallicht, der niedrigsten Ebene und Welt der Anima mundi, eingedrückten Prototypen nennen.
Die Vereinigung dieser drei Prinzipien hängt ab von einem vierten - dem Leben, welches von den Höhen des Unerreichbaren ausstrahlt. um auf den geoffenbarten Daseinsebenen eine universell ausgebreitete Essenz zu werden. Und diese Vierheit (Vater, Mutter, Sohn als eine Einheit - und als lebende Offenbarung, eine Vierheit) führte auf die sehr alte Idee von der unbefleckten Empfängnis, jetzt schließlich zu einem Dogma der christlichen Kirche krystallisiert, welche diese metaphysische Idee gegen allen gesunden Menschenverstand verfleischlicht hat. Denn es braucht einer nur die Kabalah zu lesen und ihre zahlenmässigen Erklärungsmethoden zu studieren, um den Ursprung dieses Dogmas zu finden. Er ist rein astronomisch, mathematisch und vorzugsweise metaphysisch: das männliche Element in der Natur (personifiziert in den männlichen Gottheiten und Logois: Virâj oder Brahmâ, Horus oder Osiris u. s. w., u. s. w.) wird geboren durch, nicht von einer unbefleckten Quelle, personifiziert als die "Mutter", denn da die Abstrakte Gottheit geschlechtslos ist, und nicht einmal Sein, sondern Sein-heit, oder Leben selbst ist, so kann dieses Männliche, das eine "Mutter" hat, keinen "Vater" haben. Wollen wir dies in der mathematischen Sprache des Verfassers des "Ursprungs der Maße" wiedergeben. Sprechend von dem "Maße eines Menschen" und seinem numerischen (kabbalistischen) Wert, schreibt er, daß in Genesis, IV. 1:

"Dieses wird das "Mensch gleich Jehovah" - Maß genannt, und wird folgendermaßen erhalten: 113 X 5 = 565. und der Wert 565 kann ausgedrückt werden in der Form 56•5 x 10 = 565. Hier wird die Menschenzahl 113 ein Faktor von 56•5 x 10, und die (kabbalistische) Lesung des letzteren Zahlenausdruckes ist Jod, He, Vau, He oder Jehovah .... Die Auseinanderlegung von 565 in 56•5 x 10 hat den Zweck, die Emanation des männlichen (Jod) aus dem weiblichen (Eva) Prinzipe zu zeigen; oder sozusagen die Geburt eines männlichen Elementes aus einer unbefleckten Quelle, mit anderen Worten: eine unbefleckte Empfängnis.

So wiederholt sich auf Erden das Mysterium, das, nach den Worten der Seher, auf der göttlichen Ebene aufgeführt wird. Der Sohn der unbefleckten himmlischen Jungfrau (oder der undifferenzierten kosmischen Protyle, der Materie in ihrer Unendlichkeit) wird auf Erden wiedergeboren als der Sohn der irdischen Eva, unserer Mutter Erde, und wird zur Menschheit als Ganzem (zur vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen), denn Jehova, oder Jod--He-Vau-He, ist androgyn, oder männlich und weiblich zugleich. Oben ist der Sohn der ganze Kosmos, unten ist er die Menschheit. Die Triade oder das Dreieck wird Tetraktys, die heilige pythagoräische Zahl, das vollkommene Viereck, und der sechsseitige Würfel auf Erden. Der Makroprosopus (das große Angesicht) wird zum Mikroprosopus (dem kleineren Angesicht); oder, wie die Kabbalisten sich ausdrücken, der Alte der Tage, herabsteigend auf Adam Kadmon, den er als sein Vehikel verwendet, um sich damit zu offenbaren, wird in Tetragrammaton verwandelt. Es ist jetzt im "Schoße der Mâyâ", der großen Illusion, und zwischen ihm und der Wirklichkeit ist das Astrallicht, der große Täuscher der beschränkten Sinne des Menschen, wenn nicht Erkenntnis durch Paramârthasatya als Befreierin erscheint.

STROPHE II. - Fortsetzung.

5. DIE SIEBEN2 WAREN NOCH NICHT VOM LICHTGEWEBE GEBOREN. DAS DUNKEL ALLEIN WAR VATER--MUTTER, SVABHAVAT; UND SVABHAVAT WAR IN DUNKEL.

Die Geheimlehre beschäftigt sich in den hier gegebenen Strophen hauptsächlich, wenn nicht ausschließlich, mit unserm Sonnensystem und speziell mit unserer Planetenkette. Die "sieben Söhne" sind daher die Schöpfer der letzteren. Diese Lehre wird später ausführlicher erklärt werden.
Svabhâvat, die "plastische Essenz", die das Weltall erfüllt, ist die Wurzel aller Dinge. Svabhâvat ist sozusagen der buddhistische konkrete Aspekt für die in der indischen Philosophie Mûlaprakriti genannte Abstraktion. Es ist der Körper der Seele, und das, was Ether im Verhältnis zu Âkâsha wäre, indem letzterer das beseelende Prinzip des ersteren ist. Chinesische Mystiker haben es zu einem Synonym von "Sein" gemacht. In der chinesischen Übersetzung des Ekashloka-Shâstra des Nâgârjuna (des Lung-shu im Chinesischen), genannt Yih-shu-lu-kia-lun, heißt es, daß der Ausdruck "Sein" oder "Subhâva" (Yeu im Chinesischen) bedeutet: "die Substanz, welche sich selbst Substanz giebt"; auch erklärt er es als bedeutend: "ohne Handlung und mit Handlung", "die Natur, welche keine eigene Natur hat". Subhâva, woraus Svabhâvat, ist aus zwei Worten zusammengesetzt: su schön, lieblich, gut; sva selbst; und bhâva, Sein oder Daseinszustände.

1) Ein Vedântist der Visihthadvaita-Philosophie würde sagen: Parabrahman ist, obwohl die einzige unabhängige Wirklichkeit, doch unteilbar von seiner Dreiheit. Er ist drei "Parabrahman, Chit und Achit", wovon die beiden letzten abhängige Realitäten sind, unfähig, getrennt zu existieren; oder, um es klarer zu machen, Parabrahman ist die Substanz - wandellos, ewig, und unerkennbar - und Chit (Âtmâ) und Achit (Anâtmâ) und seine Qualitäten, wie Form und Farbe, sind die Qualitäten eines jeden Objektes. Die beiden sind das Kleid, oder der Körper, oder vielmehr Aspekt (sharîra) von Parabrahman. Aber ein Occultist würde viel gegen diese Behauptung zu sagen wissen, und ebenso ein Advaitî-Vedântist. zurück zum Text

2) Söhne nämlich. zurück zum Text