Daraus, daß die Occultisten an alte Weisheit und Wissenschaft glauben und sie verteidigen, selbst wenn geflügelte Saurier in den Übersetzungen des Zohar „fliegende Kamele“ genannt werden, folgt noch nicht, daß wir ebenso bereitwillig an alle Geschichten glauben, welche das Mittelalter uns von solchen Drachen erzählt. Die Pterodaktylen und Plesiosauren hörten mit der großen Menge der dritten Rasse auf, zu existieren. Wenn wir daher von römisch-katholischen Schriftstellern ernsthaft aufgefordert werden, an Christoph Scherers und Pater Kirchers Ammenmärchen zu glauben, daß sie beziehungsweise in 1619 und 1669 mit ihren eigenen Augen lebendige feurige und fliegende Drachen gesehen haben, so möge uns gestattet sein, ihre Behauptung als Träume oder Geflunker zu betrachten. [35] Auch werden wir nicht anders denn als eine „poetische Freiheit“ die Geschichte betrachten, die von Petrarca erzählt wird, der, während er eines Tages seiner Laura in die Wälder folgte und nahe einer Höhle vorbeiging, einen Drachen gefunden haben soll, den er sofort mit seinem Dolch durchbohrte und tötete, wodurch er das Ungeheuer verhinderte, die Dame seines Herzen zu verschlingen. [36] Wir würden die Geschichte willig glauben, wenn Petrarca in den Tagen der Atlantis gelebt hätte, wo solche vorsintflutliche Ungetüme noch existiert haben mögen. Wir leugnen ihr Vorhandensein in unserer gegenwärtigen Epoche. Die Seeschlange ist ein Ding, der Drache ist ein ganz anderes. Die erste wird von der Mehrheit geleugnet, weil sie gerade in den Tiefen des Ozeans lebt, sehr selten ist, und sich zur Oberfläche nur dann erhebt, wenn sie, vielleicht durch Hunger, angetrieben ist. So sich unsichtbar haltend, kann sie existieren und doch geleugnet sein. Wenn es aber ein solches ding gebe, wie einen Drachen von der obigen Beschreibung, wie könnte er der Entdeckung immer entgangen sein? Er ist ein mit der frühesten fünften Rasse gleichzeitiges Geschöpf, und existiert nicht mehr.

Der Leser kann fragen, warum wir überhaupt von Drachen sprechen? Wir antworten: Erstens, weil die Kenntnis solcher Tiere ein Beweis für das außerordentliche Alter des Menschengeschlechts ist; und zweitens, um den Unterschied zwischen der wirklichen zoologischen Bedeutung der Worte „Drache“, „Nâga“, und „Schlange“, und der metaphorischen Bedeutung, wenn sie symbolisch gebraucht werden, zu zeigen. Der profane Leser, der von der Mysteriensprache nichts weiß, ist geneigt, so oft er eines dieser Worte erwähnt findet, dasselbe buchstäblich zu nehmen. Daher die Verwechslungen und ungerechten Anklagen. Ein paar Beispiele werden genügen. „Sed et Serpens?“ Ja: aber was war die Natur der Schlange? Die Mystiker sehen in der Schlange der Genesis intuitiv ein tierisches Emblem und eine hohe geistige Wesenheit: eine kosmische Kraft, superintelligent, ein „großes gefallenes Licht“, einen Geist, siderisch, luftig und irdisch zur selben Zeit, „dessen Einfluß die Erdkugel umwandelt“ (qui circumambulat terram), wie De Mirville, [37] ein christlicher Eiferer des toten Buchstaben, es hat, und welcher bloß „sich unter dem physischen Emblem offenbarte, welches am besten mit seinen moralischen und intellektuellen Windungen übereinstimmte“ – d. i. unter der Schlangenform.

Aber was werden die Christen aus der ehernen Schlange machen, dem „göttlichen Heiler“, wenn die Schlange als das Sinnbild der List und des Übels betrachtet werden muß; als der „Böse“ selbst? Wie kann die Grenzlinie jemals übereinstimmend festgesetzt werden, wenn sie willkürlich in einem sektiererischen theologischen Geist gezogen wird? Denn, wenn den Anhängern der römischen Kirche gelehrt wird, daß Merkur und Aeskulap, oder Asklepios, welche in Wahrheit eins sind, „Teufel und Söhne von Teufeln“ sind, und der Stab und die Schlange des letzteren der „Stab des Teufels“; was ist es mit der ehernen Schlange des Moses? Jeder Gelehrte weiß, daß beide, der heidnische „Stab“ und die jüdische „Schlange“ eins und dasselbe sind, nämlich der Caducäus des Merkur, des Sohnes von Apollo-Python. Es ist leicht zu verstehen, warum die Juden für ihren Verführer die Schlangengestalt wählten. Für sie war sie rein physiologisch und phallisch; und keine Menge kasuistischer Schlüsse von Seite der römisch-katholischen Kirche kann ihr eine andere Bedeutung geben, sobald die Mysteriensprache gut studiert ist, und die hebräischen Rollen numerisch gelesen werden. Die Occultisten wissen, daß die Schlange, der Nâga, und der Drache ein jedes eine siebenfältige Bedeutung haben; daß die Sonne z. B. das astronomische und kosmische Sinnbild der zwei entgegengesetzten Lichter und der zwei Schlangen der Gnostiker war, der guten und der bösen. Sie wissen auch, daß die Schlußfolgerungen, sowohl der Wissenschaft wie auch der Theologie, beide höchst lächerliche Embleme darstellen, wenn sie verallgemeinert werden. Denn, wenn uns die erstere sagt, daß es genügend ist, die Legenden von den Schlange über die Sonne, den Besieger des Python, und über die himmlische Jungfrau des Zodiaks, welche den verschlingenden Drachen zurückzwingt, nachzudenken, wenn man den Schlüssel zu allen folgenden religiösen Dogmen haben will - so ist es leicht wahrzunehmen, daß der Verfasser, anstatt zu verallgemeinern, nur die christliche Religion und Offenbarung im Auge hat. Wir nennen dies das eine Extrem. Wir sehen das andere, wenn die Theologie in Wiederholung der berühmten Entscheidungen des Tridentinischen Konzils die Massen zu überzeugen sucht, daß:

vom Falle des Menschen an bis zur Stunde seiner Taufe der Teufel volle Gewalt über ihn hat, und ihn rechtmäßig besitzt - diabolum dominium et potestatem super homines habere et jure eos possidere. [38]


[35] Die ultramontanen Schriftsteller nehmen die ganze Reihe von Drachengeschichten, die Pater Kircher in seinem Oedipus Aegyptiacus, „De Genesi Draconum“ erzählt, vollständig ernst. Jener Jesuit sah nach seiner eigenen Erzählung selbst einen Drachen, der 1669 von einem römischen Bauern getötet wurde, da der Direktor des Museo Barberini ihm denselben sandte, damit er eine Zeichnung des Tieres anfertigte, was Pater Kircher that, und sie in einem seiner Folianten veröffentlichte. Darauf erhielt er einen Brief on Christoph Scherer, Präfekten vom Kanton Solothurn in der Schweiz, worin dieser Würdenträger bestätigt, daß er selber, mit seinen eigenen Augen, in einer schönen Sommernacht des Jahres 1619 einen lebenden Drachen gesehen habe. Auf seinem Balkone geblieben, „um die vollkommene Reinheit des Firmamentes zu betrachten“, schreibt er, „sah ich einen feurigen glänzenden Drachen aus einer der Höhlen des Pilatus aufsteigen und sich rasch gegen Fluelen am anderen Ende des Sees hinbewegen. Ungeheuer an Größe, war sein Schweif noch länger, und sein Hals sausgestreckt. Sein Kopf und Rachen waren jene einer Schlange. Beim Fliegen ward er auf seinem Wege zahlreiche Funken aus (?!) . . . . Ich glaubte zuerst, ein Meteor zu sehen, aber bald, da ich aufmerksamer hinblickte, war ich durch sein Fliegen und durch seine Körperbildung überzeugt, daß ich einen wirklichen Drachen sah. Ich bin glücklich, auf diese Art im stande zu sein, Euer Hochwürden aufzuklären über die vollkommen thatsächliche Existenz jener Tiere“ - in Träumen, hätte der Schreiber hinzufügen sollen von lang vergangenen Zeiten. (Ebenda, p. 424.)

[36] Als auf einen überzeugenden Beweis von der Wirklichkeit der Thatsache verweist ein römischer Katholik den Leser auf das Bild des Ereignisses, das von Simon von Sienna, einem Freude des Dichters, am Portale der Kirche Notre Dame du Don zu Avignon gemalt ist, ungeachtet des Verbotes des obersten Bischofes, welcher „nicht erlauben wollte, daß dieser Triumph der Liebe an dem heiligen Orte thronen solle“; und fügt hinzu: „Die Zeit hat das Kunstwerk beschädigt, aber die Überlieferung nicht geschwächt.“ (Ebenda, p. 425.) De Mirvilles „Drachenteufel“ unserer Zeit scheinen kein Glück zu haben, denn sie verschwinden höchst geheimnisvoll aus den Museen, wo sie gewesen sein sollen. So der von Ulysses Alovrandus einbalsamierte und dem Senatsmuseum zu Neapel oder Bologna geschenkte Drache, „wo er noch im Jahre 1700 war“, aber jetzt nicht mehr dort ist. (Ebenda, p. 427.)

[37] a. a. O., II. 422.

[38] Ebenda, p. 433.