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Johann Gottfried Herder

Johann Gottfried

Herder

aus

Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit

Siebzehntes Buch

III

Fortgang des Christentums in den griechischen Ländern

Wir bemerkten, daß der Hellenismus, d. i. eine freiere, schon mit Begriffen anderer Völker gemischte Denkart der Juden, der Entstehung des Christentums den Weg gebahnt habe: das entstandene Christentum also ging weit auf diesem Wege fort, und in kurzer Zeit waren große Erdstriche, wo griechische Juden waren, erfüllt von der neuen Botschaft. In einer griechischen Stadt entstand der Name der Christen; in der griechischen Sprache wurden die ersten Schritten des Christentums am weitesten lautbar; denn beinahe von Indien an bis zum Atlantischen Meer, von Lybien bis gen Thule war mehr oder minder diese Sprache verbreitet. Unglücklicher- und glücklicherweise lag Judäa insonderheit eine Provinz nahe, die zu der ersten Form des Christianismus viel beitrug: Ägypten. Wenn Jerusalem die Wiege desselben war, so wurde Alexandrien seine Schule.

Seit der Ptolemäer Zeiten waren in Ägypten, des Handels wegen, eine Menge Juden, die sich daselbst gar ein eignes Judäa erschaffen wollten, einen Tempel bauten, ihre heiligen Schriften nach und nach griechisch übersetzten und mit neuen Schriften vermehrten. Gleicherweise waren seit Ptolemäus Philadelphus' Zeiten in Alexandrien für die Wissenschaften blühende Anstalten, die sich, selbst Athen nicht ausgenommen, sonst nirgend fanden. Vierzehntausend Schüler hatten eine geraume Zeit daselbst durch öffentliche Wohltat Unterhalt und Wohnung; hier war das berühmte Museum, hier die ungeheure Bibliothek, hier der Ruhm alter Dichter und gelehrter Männer in allen Arten; hier also im Mittelpunkt des Welthandels war die große Schule der Völker. Eben durch die Zusammenkunft derselben und durch eine nach und nach geschehene Vermischung der Denkarten aller Nationen im griechischen und römischen Reich war die sogenannte neuplatonische Philosophie und überhaupt jener sonderbare Synkretismus entstanden, der die Grundsätze aller Parteien zu vereinigen suchte und in weniger Zeit Indien, Persien. Judäa, Äthiopien, Ägypten, Griechenland, Rom und die Barbaren iß ihren Vorstellungsarten zusammenrückte. Wunderbar herrschte dieser Geist fast allenthalben im römischen Reiche, weil allenthalben Philosophen aufkamen, die die Ideen ihres Geburtslandes in die große Masse der Begriffe trugen; in Alexandrien aber kam es zur Blüte. Und nun sank auch der Tropfe des Christentums in dieses Meer und zog an sich, was er mit sich organisieren zu können vermeinte. Schon in den Schriften Johannes' und Paulus' werden platonische Ideen dem Christentum assimiliert; die ältesten Kirchenväter, wenn sie sich auf Philosophie einließen, konnten der allgemein angenommenen Vorstellungsarten nicht entbehren, und einige derselben finden z.B. ihren Logos längst vor dem Christentum in allen Seelen der Weisen. Vielleicht wäre es kein Unglück gewesen, wenn das System des Christentums geblieben wäre, was es nach den Vorstellungen eines Justinus, Clemens von Alexandrien und anderer sein sollte: eine freie Philosophie, die Tugend und Wahrheitsliebe zu keiner Zeit, unter keinem Volk verdammte und von den einengenden Wortformeln, die späterhin als Gesetze galten, noch gar nichts wußte. Gewiß sind die früheren Kirchenväter, die in Alexandrien gebildet wurden, nicht die schlechtesten; der einzige Origenes hat mehr getan als zehntausend Bischöfe und Patriarchen; denn ohne den gelehrten kritischen Fleiß, den er auf die Urkunden des Christentums wandte, wäre dies in Ansehung seiner Entstehung beinahe ganz unter die unklassischen Märchen geraten. Auch auf einige seiner Schüler ging sein Geist über, und mehrere Kirchenväter aus der alexandrinischen Schule dachten und stritten wenigstens doch gewandter und feiner als so manche andere unwissende und fanatische Köpfe.

Indessen war freilich in anderm Betracht sowohl Ägypten als die damalige Modephilosophie überhaupt fürs Christentum auch eine verderbliche Schule; denn eben an diese fremden platonischen Ideen, an denen man mit griechischer Spitzfindigkeit subtilisierte, hing sich alles, was nachher fast zwei Jahrtausende lang Streitigkeiten, Zank, Aufruhr, Verfolgung, Zerrüttungen ganzer Länder erregt hat und überhaupt dem Christentum eine ihm so fremde, die sophistische Gestalt gegeben. Aus dem Wort Logos entstanden Ketzereien und Gewalttätigkeiten, vor denen noch jetzt der Logos in uns, die gesunde Vernunft, schaudert. Nur in der griechischen Sprache konnten manche dieser Zänkereien geführt werden, der sie auch auf ewig hätten eigen bleiben und nie zu allgemeinen Lehrformeln aller Sprachen erhoben werden sollen. Da ist auch keine Wahrheit, keine Erkenntnis, die dem menschlichen Wissen einen Zuwachs, dem Verstande eine neue Kraft, dem menschlichen Willen eine edle Triebfeder gegeben hätte; vielmehr kann man die ganze Polemik der Christen, die sie gegen Arianer, Photinianer, Macedonianer, Nestorianer, Eutychianer, Monophysiten, Tritheiten, Monotheliten u. f. geführt haben, geradezu vertilgen, ohne daß das Christentum oder unsere Vernunft den mindesten Schaden erhielte. Eben von ihnen allen und von ihrer Wirkung, jenen groben Dekreten so mancher Hof- und Räuberkonzilien, hat man wegsehen und sie sämtlich vergessen müssen, um nur abermals wieder zu einem reinen ersten Anblick der christlichen Urschriften und zu ihrer öffnen, einfachen Auslegung gelangen zu können; ja, noch hindern und quälen sie hier, da und dort viele furchtsame oder gar um ihretwillen verfolgte Seelen. Der ganze spekulative Kram dieser Sekten ist jener Lernäischen Schlange oder den Kettenringen eines Wurmes ähnlich, der im kleinsten Gliede wieder wächst und, unzeitig abgerissen, den Tod gewährt.

In der Geschichte füllt dies unnütze, menschenfeindliche Gewebe viele Jahrhunderte: Ströme Blutes sind darüber vergossen, unzählige, oft die würdigsten Menschen durch die unwissendsten Bösewichter um Gut und Ehre, um Freunde, Wohnung und Ruhe, um Gesundheit und Leben gebracht worden. Selbst die treuherzigen Barbaren, Burgunder, Goten, Longobarden, Franken und Sachsen, haben an diesen Mordspielen für oder gegen Arianer, Bogomilen, Katharer, Albigenser, Waldenser u. f. in frommer Rechtgläubigkeit mit eifrigem Ketzerernst Anteil genommen und als streitende Völker für die echte Taufformel ihre Klinge nicht vergebens geführt: eine wahre streitende Kirche. Vielleicht gibt es kein öderes Feld der Literatur als die Geschichte dieser christlichen Wort- und Schwertübung, die dem menschlichen Verstande seine eigne Denkkraft, den Urkunden des Christentums ihre klare Ansicht, der bürgerlichen Verfassung ihre Grundsätze und Maßregeln dergestalt geraubt hatte, daß wir zuletzt andern Barbaren und Sarazenen danken müssen, daß sie durch wilde Einbrüche die Schande der menschlichen Vernunft zerstörten. Dank sei allen den Männern [265], die uns die Triebfedern solcher Streitigkeiten, die Athanase, Kyrille, Theophile, die Konstantine und Irenen in ihrer wahren Gestalt zeigen; denn solange man im Christentum den Namen der Kirchenväter und ihrer Konzilien noch mit Sklavenfurcht nennt, ist man weder der Schrift noch seines eignen Verstandes mächtig.

Auch die christliche Sittenlehre fand in Ägypten und in andern Gegenden des griechischen Reichs keinen bessern Boden; durch einen fürchterlichen Mißbrauch erschuf sie daselbst jenes grobe Heer der Zönobiten und Mönche, das sich nicht etwa nur an Entzückungen in der thebaischen Wüste begnügte, sondern als eine gemietete Kriegsschar oft Länder durchzog, Bischofswahlen und Konzilien störte und den H. Geist derselben Aussprüche zu tun zwang, wie ihr unheiliger Geist es wünschte. Ich ehre die Einsamkeit, jene nachdenkende Schwester, oft auch die Gesetzgeberin der Gesellschaft, sie, die Erfahrungen und Leidenschaften des geschäftigen Lebens in Grundsätze und in Nahrungssaft verwandelt. Auch jener tröstenden Einsamkeit gebührt Mitleid, die, des Joches und der Verfolgung anderer Menschen müde, in sich selbst Erholung und Himmel findet. Gewiß waren viele der ersten Christen Einsame der letzten Art, die von der Tyrannei des großen militärischen Reichs oder vom Greuel der Städte in die Wüste getrieben wurden, wo bei wenigen Bedürfnissen ein milder Himmel sie freundlich aufnahm. Desto verächtlicher aber sei uns jene stolze, eigensinnige Absonderung, die, das tätige Leben verabscheuend, in Beschauung oder in Büßungen ein Verdienst setzt, sich mit Phantomen nährt und, statt Leidenschaften zu ertöten, die wildeste Leidenschaft, einen eigensinnigen, ungemessenen Stolz, in sich auffacht. Leider wurde der Christianismus hiezu ein blendender Vorwand, seitdem man Ratschläge desselben, die nur für wenige sein sollten, zu allgemeinen Gesetzen machte oder gar zu Bedingungen des Himmelreichs erhob und Christum in der Wüste suchte. Da sollten Menschen den Himmel finden, die Bürger der Erde zu sein verschmähten und damit die schätzbarsten Gaben unseres Geschlechts, Vernunft, Sitten, Fähigkeiten, Eltern-, Freundes-, Gatten- und Kindesliebe, aufgaben. Verwünscht sein die Lobsprüche, die man aus mißverstandener Schritt dem ehelosen, müßigen, beschauenden Leben oft so unvorsichtig und reichlich gab, verwünscht die falschen Eindrücke, die man mit schwärmerischer Beredsamkeit der Jugend einprägte und dadurch auf viele Zeiten hin den Menschenverstand verschob und lahmte. Woher kommt's, daß in den Schriften der Kirchenväter sich so wenig reine Moral und oft das Beste mit dem Schlechtesten, das Gold mit Unrat vermischt findet? [266] Woher, daß man in diesen Zeiten auch von den vortrefflichsten Männern, die noch so viel griechische Schriftsteller zu ihrem Gebot hatten, kein Buch nennen kann, das ohne alle Rücksicht auf Komposition und Vortrag, bloß in der Moral und im durchgehenden Geiste des Werks, einer Schrift der sokratischen Schule an die Seite zu setzen wäre? Woher, daß selbst die ausgesuchten Sprüche der Väter so viel übertriebenes und Mönchisches an sich haben, wenn man sie mit der Moral der Griechen vergleicht? Durch die neue Philosophie war das Hirn der Menschen verrückt, daß sie, statt auf der Erde zu leben, in Lüften des Himmels wandeln lernten; und wie es keine größere Krankheit geben kann als diese, so ist's wahrlich ein beweinenswerter Schade, wenn sie durch Lehre, Ansehen und Institute fortgepflanzt und die läutern Quellen der Moral auf Jahrhunderte hin dadurch trübe gemacht wurden.

Als endlich das Christentum erhöht und ihm in der Kaiserfahne der Name gegeben wurde, der noch jetzt als die herrschende römisch-kaiserliche Religion über allen Namen der Erde weht: auf einmal wurde da die Unlauterkeit offenbar, die Staats- und Kirchensachen so seltsam vermischte, daß beinah keinem menschlichen Dinge mehr sein rechter Gesichtspunkt blieb.

Indem man Duldsamkeit predigte, wurden die, die lange gelitten hatten, selbst unduldend; indem man Pflichten gegen den Staat mit reinen Beziehungen der Menschen gegen Gott verwirrte und, ohne es zu wissen, eine halbjüdische Mönchsreligion zur Grundlage eines byzantinisch-christlichen Reichs machte: wie anders, als daß sich das wahre Verhältnis zwischen Verbrechen und Strafen, zwischen Pflicht und Befugnis, ja endlich zwischen den Ständen der Reichsverfassung selbst schnöde verlieren mußte. Der geistliche Stand wurde in den Staat eingeführt, nicht, wie er bei den Römern gewesen war, unmittelbar mitwirkend zum Staate; ein Mönchs- und Bettelstand wurde er, dem zugut hundert Verfügungen gemacht wurden, die andern Ständen zur Last fielen, sich einander selbst aufhoben und zehnfach geändert werden mußten, damit nur noch eine Form des Staats bliebe. Dem großen und schwachen Konstantin sind wir ohne sein Wissen jenes zweiköpfige Ungeheuer schuldig, das unter dem Namen der weit- und geistlichen Macht sich selbst und andere Völker neckte oder untertrat und nach zwei Jahrtausenden sich noch jetzo kaum über den Gedanken ruhig vereint hat, wozu Religion und wozu Regierung unter den Menschen da sei. Ihm sind wir jene fromme Kaiserwillkür in den Gesetzen und mit ihr jene christfürstlich-unkaiserliche Nachgiebigkeit schuldig, die in kurzem der fürchterlichste Despotismus werden mußte. [267] Daher die Laster und Grausamkeiten in der abscheulichen byzantinischen Geschichte; daher der feile Weihrauch an die schlechtesten christlichen Kaiser; daher die unselige Verwirrung, die geist- und weltliche Dinge, Ketzer und Rechtgläubige, Barbaren und Römer, Feldherrn und Verschnittene, Weiber und Priester, Patriarchen und Kaiser in eine gärende Mischung brachte. Das Reich hatte sein Principium, das schwankende Schiff hatte Mast und Steuer verloren; wer ans Ruder kommen konnte, ruderte, bis ihn ein anderer fortdrängte. Ihr alten Römer, Sextus, Cato, Cicero, Brutus, Titus, und ihr Antonine, was hättet ihr zu diesem neuen Rom, dem Kaiserhofe zu Konstantinopel, von seiner Gründung an bis zu seinem Untergange, gesagt?

Auch die Beredsamkeit also, die in diesem kaiserlich- christlichen Rom aufsprießen konnte, war jener alten Griechen- und Römerberedsamkeit mitnichten zu vergleichen. Hier sprachen freilich göttliche Männer, Patriarchen, Bischöfe, Priester; aber zu wem und worüber sprachen sie? und was konnte, was sollte ihre beste Beredsamkeit fruchten? Einem unsinnigen, verderbten, zügellosen Haufen sollten sie das Reich Gottes, die feinen Aussprüche eines moralischen Mannes erklären, der in seiner Zeit schon allein dastand und in diesen Haufen gewiß nicht gehörte. Viel reizender war's für diesen, wenn der geistliche Redner sich auf die Schandtaten des Hofes, in die Kabalen der Ketzer, Bischöfe, Priester und Mönche oder auf die rohen Üppigkeiten der Schauplätze, Spiele, Lustbarkeiten und Weibertrachten einließ. Wie beklage ich dich, du goldner Mund, Chrysostomus, daß deine überströmende Rednergabe nicht in bessere Zeiten fiel! Aus der Einsamkeit tratest du hervor, in der du deine schönsten Tage durchlebt hattest; in der glänzenden Hauptstadt wurden dir trübere Tage. Dein Hirteneifer war von seiner Flur verirrt; du erlagst den Stürmen der Hof- und Priesterkabale und mußtest, vertrieben und wiederhergestellt, endlich doch im Elende sterben. So erging's mehreren Rechtschaffenen an diesem wohllüstigen Hofe, und das traurigste war, daß ihr Eifer selbst von Fehlern nicht frei blieb. Denn wie der, der unter ansteckenden Krankheiten in einer verpesteten Luft lebt, wenn er sich auch vor Beulen bewahrt, wenigstens ein blasses Gesicht und kranke Glieder davonträgt, so lagen auch hier zu viele Gefahren und Verführungen um beiderlei Stände, als daß eine gewöhnliche Vorsicht ihnen hätte entweichen mögen. Um so rühmlicher sind die wenigen Namen, die als Feldherren und Kaiser oder als Bischöfe, Patriarchen und Staatsleute auch an diesem schwefelicht- dunkeln Himmel wie zerstreute Sterne glänzen; aber auch ihre Gestalten entzieht uns der Nebel.

Betrachten wir endlich den Geschmack in Wissenschaften, Sitten und Künsten, der sich von diesem ersten und größesten Christenreiche verbreitet hat, so können wir ihn nicht anders als barbarisch- prächtig und elend nennen. Seitdem zu Theodosius' Zeiten im römischen Senat vorm Antlitz der Siegesgöttin Jupiter und Christus um den Besitz des römischen Reichs stritten und Jupiter seine Sache verlor, gingen die Denkmale des alten großen Geschmacks, die Tempel und Säulen der Götter in aller Welt, allmählich oder gewaltsam unter; und je christlicher ein Land war, desto eifriger zerstörte es alle Überbleibsel des Dienstes der alten Dämonen. Der Zweck und Ursprung der christlichen Kirchen verbot die Einrichtung der alten Götzentempel; also wurden Gerichts- und Versammlungsplätze, Basiliken, ihr Vorbild; und obgleich in den ältesten derselben aus Konstantins Zeiten allerdings noch eine edle Einfalt merklich ist, weil sie teils aus heidnischen Resten zusammengetragen, teils mitten unter den größesten Denkmalen errichtet wurden, so ist auch diese Einfalt dennoch schon christlich. Geschmacklos sind ihre dort und hier geraubten Säulen zusammengesetzt, und das Wunder der christlichen Kunst in Konstantinopel, die prächtige Sophienkirche, war mit barbarischem Schmuck überladen. So viele Schätze des Altertums in diesem Babel zusammengehäuft wurden, sowenig konnte griechische Kunst oder Dichtkunst daselbst gedeihen. Man erschrickt vor dem Hofstaat, der noch im zehnten Jahrhundert den Kaiser in Kriegs- und Friedenszeiten, zu Hause und zum Gottesdienst begleiten mußte, wie ein purpurgeborner Sklave desselben ihn selbst beschreibt [268], und wundert sich, daß ein Reich von dieser Art nicht viel früher gefallen sei, als es fiel. Dem mißgebrauchten Christentum allein kann hieran die Schuld nicht beigemessen werden; denn vom ersten Anfange an war Byzanz zu einem glänzend-üppigen Bettlerstaat eingerichtet. Mit ihm war kein Rom entstanden, das, unter Bedrückungen, Streit und Gefahr erzogen, zur Hauptstadt der Welt sich selbst machte; auf Kosten Roms und der Provinzen wurde die neue Stadt gegründet und sogleich mit einem Pöbel beladen, der unter Heuchelei und Müßiggange, unter Titeln und Schmeicheleien von kaiserlicher Milde und Gnade, das ist: vom Mark des Reichs lebte. Am Busen der Wohllust lag die neue Stadt, zwischen allen Weltteilen in der schönsten Gegend. Aus Asien, Persien, Indien, Ägypten kamen ihr alle Waren jener üppigen Pracht, mit welchen sie sich und die nordwestliche Welt versorgte. Ihr Hafen war voll von Schiffen aller Nationen; und noch in spätem Zeiten, als schon die Araber dem griechischen Reich Ägypten und Asien genommen hatten, zog sich der Handel der Welt über das Schwarze und Kaspische Meer, um die alte Wohllüstige zu versorgen. Alexandrien, Smyrna, Antiochien, das busenvolle Griechenland mit seinen Anlagen, Städten und Künsten, das inselnvolle Mittelländische Meer, vor allem aber der leichte Charakter der griechischen Nation, alles trug bei, den Sitz des christlichen Kaisers zum Sammelplatz von Lastern und Torheiten zu machen; und was ehemals dem alten Griechenlande zum Besten gedient hatte, gereichte ihm jetzt zum Ärgsten.

Deshalb aber wollen wir diesem Reich auch den kleinsten Nutzen nicht absprechen, den es, in seiner Beschaffenheit und Lage, der Welt gebracht hat. Lange war es ein Damm, obgleich ein schwacher Damm, gegen die Barbaren, deren mehrere in seiner Nachbarschaft oder gar in seinem Dienst und Handel ihre Roheit abgelegt und einen Geschmack für Sitten und Künste empfangen haben. Der beste König der Goten, Theodorich, z.B. war in Konstantinopel erzogen; was er Italien Gutes tat, haben wir jenem östlichen Reiche mit zu verdanken. Mehr als einem barbarischen Volk hat Konstantinopel den Samen der Kultur, Schrift und das Christentum gegeben; so bildete der Bischof Ulfilas für seine Goten am Schwarzen Meer das griechische Alphabet um und übersetzte das Neue Testament in ihre Sprache; Russen, Bulgarn und andere slawische Völker haben von Konstantinopel aus Schrift, Christentum und Sitten auf eine viel mildere Weise bekommen als ihre westlichen Mitbrüder von den Franken und Sachsen. Die Sammlung der römischen Gesetze, die auf Justinians Befehl geschah, so mangelhaft und zerstückt sie sei, so mancher Mißbrauch auch von ihr gemacht worden, bleibt ein unsterbliches Denkmal des alten echten Römergeistes, eine Logik des tätigen Verstandes und eine prüfende Norm jeder besseren Gesetzgebung. Daß sich in diesem Reich, obwohl in schlechter Anwendung, die griechische Sprache und Literatur so lange erhielt, bis das westliche Europa fähig wurde, sie aus den Händen konstantinopolitanischer Flüchtlinge zu empfangen, ist für die ganze gebildete Welt eine Wohltat. Daß Pilgrime und Kreuzfahrer der mittlern Zeiten auf ihrem Wege zum Heiligen Grabe ein Konstantinopel. fanden, wo sie zum Ersatz mancher erwiesenen Untreue wenigstens mit neuen Eindrücken von Pracht, Kultur und Lebensweise in ihre Höhlen, Schlösser und Klöster zurückkehrten, bereitete dem westlichen Europa mindestens von fern eine andere Zeit vor. Venetianer und Genueser haben in Alexandrien und Konstantinopel ihren größeren Handel gelernt, wie sie denn auch größtenteils durch Trümmer dieses Kaisertums zu ihrem Reichtum gelangt sind und von dort aus manches Nützliche nach Europa gebracht haben. Der Seidenbau ist uns aus Persien durch Konstantinopel zugekommen, und wie manches hat der Heilige Stuhl zu Rom, wie manches hat Europa als ein Gegengewicht gegen diesen Stuhl dem morgenländischen Reich zu danken!

Endlich versank dies stolze, reiche und prächtige Babel; mit allen Herrlichkeiten und Schätzen ging es im Sturm an seine wilden Überwinder über. Längst hatte es seine Provinzen nicht zu schützen vermocht: schon im fünften Jahrhundert war das ganze Griechenland Alarichs Reute geworden. Von Zeit zu Zeit dringen ost-, west-, nord- und südwärts Barbaren immer näher hinan, und in der Stadt wüten rottenweise oft ärgere Barbaren. Tempel werden gestürmt, Bilder und Bibliotheken werden verbrannt; allenthalben wird das Reich verkauft und verraten, da es für seine treuesten Diener keinen Lohn hat, als ihnen die Augen auszustechen, Ohren und Nase abzuschneiden oder sie gar lebendig zu begraben; denn Grausamkeit und Wohllust, Schmeichelei und der frecheste Stolz, Meutereien und Treulosigkeit herrschten auf diesem Thron, allesamt mit christlicher Rechtgläubigkeit geschminkt. Seine Geschichte voll langsamen Todes ist ein schrecklich-warnendes Beispiel für jede Kastraten- , Pfaffen- und Weiberregierung, trotz alles Kaiserstolzes und Reichtums, trotz alles Pomps in Wissenschaften und Künsten. Da liegen nun seine Trümmern: das scharfsinnigste Volk der Erde, die Griechen, sind das verächtlichste Volk worden, betrügerisch, unwissend, abergläubig, elende Pfaffen- und Mönchsknechte, kaum je mehr des alten Griechengeistes fähig. So hat das erste und prächtigste Staatschristentum geendet; nie komme seine Erscheinung wieder. [269]

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